Löwenbauten in Berlin


 
Die Stille,
die Liebe
einer Stadt.
Maulwürfe
werden von
Kranichen hoch-
emporgezogen.
Gähnende Löcher mit funkelndem Licht, Wasser, Metall, Eisen, Stäbe, Verstäbungen,
gelbe Hüte oder sind es Baukappen.
 
 
Neugierige gaffen amüsiert und
andachtsvoll - sorry, muß mir die Nase schneuzen -
Bannmeile - oder doch woanders, die topste Disco zum Abhotten
liegen in der Rosenthaler -
was macht das Glashaus am Gendarmenmarkt.
Heute darf ich durch den Baldachin des Brandenburger Tors
fahren.
Der Tag in Berlin ist braun-orange, märkischgrau und sanft
waldbraun.
Der Menschen Berlins Lieblingsbeschäftigung ist für
jeden Individuellen ein Kästchen zu finden, und wenn Du's nicht
magst, sind sie beleidigt.

Heute nach vielen weiteren Zeiten des Trottoir- und
Parkgemeckeres, meine Habseligkeit vor den Brummenden zu
retten, fahre ich defensiv zügig im Zickzack, gut beobachtend die
Passanten. Keiner erregt sich über mein Tun. Leise ziehe ich
meine Fährte, am Montag an Kreuzungen mit Autowracks, meist
sie am Laternenpfosten gestrandet. Beim Einbruch des
Winterabends fährt ein großer riesiger Streuwagen links neben
mir. Der Fahrer guckt stark gebräunt, von Knallorange umhaust,
langweilig durch die Straßenzüge. Salz fällt aus einem
Dreschflegel auf die Straße. Anordnung von oben, die
Wetterfrösche verlauteten, es würde schneien. So betreibt der
vernünftige Senat umsichtige Prophylaxe.

Der Bauzaun am Lützowplatz sieht echt scharf aus - Baustelle:
Groth und Gralfs, viele Kranichkräne recken sich mit ihrem
Emblem neugierig ins Berliner Blau -
 
wo sonst die Frühlingskirmes
und der Schnellimbiss für
die Tiergartennutten plazierte, als
strategischer Anlaufsort normal
Gott gegeben Schow machte.
Bauzahn horizontal mit fluoriszierendem blauen
Neonleuchten das zuwachsende neue Baustellenloch markierend,
wie ein schöngefälliges Pferd, das uns absteckend angenehm ins
Auge springt.
 
 
Wir wollen etwas Schönes bauen. Freut Euch, Bürger! Weltweit
sind die berühmtesten Architekten engagiert. Sie kommen alle
und träumen mit. Sie wußten keinen anderen Traum zu träumen
als ihren eigenen. Ich nehme nicht ab, daß die Geldsucht das
eigene kreative Ego übertrumpft - wer hat diese klugen Köpfe
beschnitten und und mußten sie sich, zermürbt durch den
bürokratisch-demokratischen Ablauf einiger bärtiger
Salonkinderläden-Showrevolutzer. Im Besserwisserfingerzeig hat
diese Generation ihr Privileg und durch one way bestimmte
Holzstöckchenschulung gedrillt zur Holzpuppe errichtet und
geschlagen den Individualismus durch Besserwisserei. Zum
Humanismus, Demokratie-Reinwaschung angehalten, ihr
einziges kreatives Vermögen aufgebaut und jetzt großes Denken
in bunte Kinderladenbauklötze hinein.

Die Kraniche blinken so neu, wie neu gekauft aus dem
Spielzeugladen, das Kanzleramt hat ganz viele blaue und ein paar
rote, daneben unterhält uns weiterhin das Tempodrom.
Ausweise zeigen, viele und besondere Ausweise vorzeigen, die
besagen, daß Du in das vorgesehene ehrenvolle Kästchen
reinpaßt.

Die Stadt mit ihren Kontrastgezeiten: ihr Winterorange, Braun,
Dunkel, Blauweiß, im Sommer Laudunkelblau, Grün, Grün,
Grün und immer bleibt der märkisch-gelbliche, braun-graue
Sand.
 

Ich schwimme in mir. Schleppende, träge Motorgeräusche, wir
leben die Ordnung. Morgens kann ich nicht in meinen
Rückspiegel sehen: überklebt durch ein weißes Schild mit
krankenblauem Text "Fußgängerüberweg".
Fußgängerautoritätspfade, breiter als ein Boulevard.

 
 
Die Fußgänger gehen im Zickzack. ob er eine regelmäßige Norm
in den Trottoirabständen hat, kann ich bei dem kurzen Lauf bis
zur nächsten Ampelunterbrechung nicht erkennen.
Lebensabschnitte spielen auch eine gewisse Rolle auf den
Trottoiren und besonders in gepflegten Schloßgärten. 1974
durfte mein edler Studentenpo, voll bekleidet mit einem langen
glockigen Blumenrock, sich nicht auf einen gepflegten
Senatsgarten niederlassen, ohne daß tausend rügend aufrufende,
gut fürs Alter gerüstete betuchte Damen empört zur deutschen
Ordnung gegen die einschlampernde Welt gemahnten.

Demokratie, Freiheit, wirtschaftliche Prosperität. Nehmen wir die
wirklichen Größen,
Einheitsbrei.
Spring nach vorne. Zeig,
wie verrückt du bist. Das
finde ich toll. Du hast dich
phantastisch dargestellt. Jetzt weiß ich, wo ich dich cutte.
Berlin, die Stadt meiner junghaften Mädchensehnsüchte.
Ungeträumte Nichtgrenzen. Eine westliche Stadt in einem
Absurdum. Eine Insel und Gefängnis der Denkenden. Ab und an
nahmen wir uns den Ausgang vor. Wohlbehütet, von den
Siegermächten gehätschelt und als sonderbare Exemplare, die es
auf einer Mondlandschaft aushalten, besehen und ernährt - nicht
umsonst hielten die Züge am Bahnhof Zoo - die Insel des
Weltgenusses in der Meditation.
Franz Derix, Januar 1999